Buffonen in Tansley bei Gerry Flanagan

Die Kraft des Humors – Buffonen“: ein Bericht

Vom 26.11.2017 bis zum 02.12.2017 fand die erste von 2 Schulungen für die freiberuflichen Mitarbeiterinnen des Theater Vision e.V.’s statt.

Die 6 Freiberuflerinnen, die in der Allgemein- und Erwachsenenbildung insbesondere im Bereich von Humorfortbildungen, Theatervermittlung, Theaterpädagogik und im Coaching tätig sind, wurden zu dem langjährigen, exzellenten Pädagogen, Regisseur und Theatermacher Gerry Flanagan an dessen Wirkungsstätte, das Shifting Sands Theater http://www.shiftingsandstheatre.co.uk/ entsendet.

Gerry Flanagan ist einer der wenigen, die heute noch das uralte Erbe der „Buffonen“ praktizieren und weitervermitteln.

V.A. in Deutschland wissen viele gar nicht, was das ist – ein Buffon.
Und um ehrlich zu sein – auch die Teilnehmerinnen, die sich bis nach Matlock im grünen und allen Vorurteilen trotzenden, sogar Ende November mit schönsten Sonnenstrahlen erleuchteten Derbyshire begeben hatten und sich nun täglich 7 Tage lang von morgens bis abends in der Community Hall und der Village Hall von Tansley, dem Sitz des Shifting Sands Theater‘s, mit dieser hochspannenden Theaterform auseinandersetzen, wussten vorher nicht alle, was da auf sie zukam.

Folgerichtig stellte Gerry anfangs die Frage: „Was glaubt Ihr, was sind Buffonen denn?“

 

Herumstammeln, sammeln…
„Deformierte Gestalten“
„Wesen, die aus dem Jenseits kommen“
Parodie, Satire“
Ausgestoßene, Verachtete“
in Banden organisierte“…
das hat was mit dem Mittelalter zu tun“
die Gesellschaft auf die Schippe nehmen“

Gerry erklärte. Es gäbe zwei Arten von Buffonen – natürliche Buffonen, die gibt es im täglichen Leben, Menschen mit Lernschwierigkeiten, mit physischen und psychischen Einschränkungen und Behinderungen.
Und dann gibt es die anderen, die zwar keine solchen Einschränkungen haben, aber völlig verrückt sind. Sie nutzen ihre Verrücktheit und ihr Anderssein als Strategie.

Im Mittelalter waren es die Ausgestoßenen, die wegen Pest und Cholera vor die Tore der Stadt verbannt waren und nur an Zeiten des Karnevals hereingelassen wurden, um das Volk zu unterhalten.

Da wurde die Welt auf den Kopf gestellt, der König wurde zum Bettler und die Bettler zu Königen.
Die Buffonen machten Späße, aber sie provozierten dabei soweit, dass man schließlich nicht mehr wusste, ob das noch Spaß oder schon bitterer Ernst war.
Na, wollen wir den König mal foppen?“
Das Volk: „Jaaa“
„Ja, wollen wir ihn
an den Ohren ziehen?“
„Jaaa“
Gesagt, getan.
„Wollen wir ihn anspucken?“
„Jaa“ schon etwas leiser“
Gesagt, getan.
„Schlagen?“
„Ja“ schon sehr leise
Gesagt, getan.
„Umbringen?“
Stille

 

Auch im Alten Griechenland und zur Römerzeit gab es diese Phänomene.

Buffonen sind Strategen. Wenn sie hereinkommen,müssen sie sich die Gunst des Publikums erwerben, sich die Erlaubnis erspielen, um bleiben zu dürfen. Man stelle sich die Tore der Stadt vor und nach Monaten dürfen die Ausgestoßen herein kommen. Da kann man natürlich nicht mit den irritierendsten Spielchen beginnen. Der Anfang ist harmlos, spielerisch, kleine Neckereien, die darauf abzielen, gemocht zu werden und um später vielleicht ein paar Almosen und Geld zu bekommen.

Buffonen sind brilliant darin, Spiele zu spielen. Es ist schwer zu begreifen, was davon wirklich ist und was nicht. Sie sind unglaubliche Überlebenskünstler. Sie sind immer die Verdächtigen, die Geächteten, die, die am Wenigsten von Allen haben, die von einer Krumme Brot am Tag leben. Darum haben sie nichts zu verlieren. Und können alles wagen.

Buffonen sind selten allein. Sie verbindet eine natürliche Komplizenschaft, dadurch, dass sie in der gleichen, erniedrigten Situation sind. Darum kommen sie in Banden und auch, wenn sie in ihren Spielen grausam zueinander sein können, Hierarchien aufbauen, sich schlagen und erpressen, wissen sie, dass sie zusammengehören und im Kontrast zum Rest der Welt stehen.

In dieser höchst intensiven und arbeitsreichen Woche (danach, so der Konsens, wäre eine Woche Urlaub dran gewesen), wurden nun viele Übungen und Prinzipien vermittelt, um sich in die Kunst des Buffonierens zu vertiefen.

Körperbewusstsein, Isolationsübungen, Gruppenübungen, Übungen zur Aufgabe des Individualismus‘ und des Aufgehens in der Gruppe, Übungen, einem Anführer zu Folgen, Übungen, um zusammen auf der Bühne in Improvisationen eine Idee gemeinsam zu entfalten, Bandenübungen, Bühnenpräsenz, Deformierungen, Hässlich sein, Menschen provozieren, auf die Bühne/in die Manege/zu den Toren der Stadt hereinkommen, gemeinsam Angst haben, verletzlich sein, Statusübungen, Kontakt mit dem Publikum, Kontakt untereinander, solidarisch sein, sich gegenseitig stützen, gemeinsam steigern, minimalistisch sein, extrem sein, die richtige Nuance treffen, Szenenvorschläge, Szenenentwicklung, Themen sammeln…

Die Köpfe rauchten, viele Emotionen wurden getriggert, der Körper war erschöpft, aber am Ende der 7 Tage hatten alle das Gefühl, unglaublich bereichert, mit einem dicken, neuen Werkzeugkoffer für die eigene und die gemeinsame Arbeit nach Hause zurückzukehren.

Auch die Begegnung mit Gerry war beeindruckend, der trotz seiner über 70 Jahre körperlich fitter herum hüpfte, als so manche Teilnehmerin. Es gab auch ein Treffen mit dem Shifting Sands Theater in Form eines gemeinsamen Abendessens, in dem die Teilnehmerinnen mehr über mehr als 40 Jahre Erfahrung im Theater Business und viele faszinierende Geschichten erfuhren.

P.S. Das Wörterbuch verrät:

Engl.:
buffoonery – Hanswurstiade, Harlekinade, Hanswursterei, Possen, Possenreißen
buffoon: Hanswurst, Blödmann, Clown, Kasper, Bajazzo, Witzbold
bouffant: füllig, aufgetürmt, bauschig
Ital:

buffoneria – Narretei, Clownerie, Hanswurstelei, Geschwätz
buffonaggine – Albernheit

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